Session 5 – Julia Garschagen
„Wahrheit gibt Wurzeln und verleiht Flügel“ – Julia Garschagens Botschaft aus ihrem Vortrag „Verwurzelt in Wahrheit“ fasst sie direkt zu Beginn selbst zusammen, als sie die Bühne betritt. Julia ist eine Frau, der man gerne zuhört. Die Empathie und Wertschätzung für ihr Gegenüber mitbringt und nicht vor schwierigen Gesprächen zurückschreckt. Im Gegenteil: Wenn man sie sprechen hört, hat man das Gefühl, dass sie leidenschaftlich brennt für Gespräche, die die wunden Punkte der Gesellschaft berühren, in denen es ums Eingemachte geht, um die Themen, die man lieber vermeidet, weil sie unbequem oder anstrengend sein könnten.
Von solchen Gesprächen hat sie schon einige geführt – zum Beispiel in Universitäten mit Studenten. Immer wieder geht es in diesen Gesprächen um die Frage danach, was Wahrheit ist. Als überzeugte und sprachfähige Christin erzählt sie Menschen von der Wahrheit, an die sie glaubt und die ihre Augen leuchten lässt. „Wenn Jesus sagt: ‚Ich bin die Wahrheit!‘, laufen wir der Wahrheit nur hinterher“, bringt Julia es auf den Punkt. „Nicht wir haben die Wahrheit, sondern die Wahrheit hat uns“ lautet einer der Sätze, die nach ihrem Vortrag im Gedächtnis bleiben werden. Einer ihrer theologischen Lehrer hat einmal gesagt: „Unsere Wahrheit hat nicht recht, sondern sie hat lieb“ – ein Satz, der Julia in ihrem eigenen Umgang mit Menschen geprägt hat.
Was sie in Gesprächen immer wieder erlebt: Dass die gute Nachricht, an die sie als Christin glaubt, für viele gar keine gute Nachricht mehr ist. Im Gegenteil. Sie beschreibt drei Gründe, die immer wieder von ihren Gegenübern geäußert werden, warum der christliche Glaube für sie keine Rolle mehr spielt. Einerseits ist er für viele emotional irrelevant, und Julia erklärt: „Mir scheint, dass in unserer Gesellschaft die Frage nach dem Sinn des Lebens bereits beantwortet ist: Wir müssen uns nur selbst verwirklichen, glücklich sein.“ In dieser Formel zum Glücklichsein braucht es für viele keinen Glauben.
Andere Gesprächspartner von Julia äußerten außerdem, dass sie den christlichen Glauben als intellektuell naiv betrachten. Hat die Wissenschaft den Glauben nicht längst überholt? Wozu an einen Gott glauben, wenn man sich die Welt auch wissenschaftlich erklären kann? Julia hat Verständnis für diese Sichtweise und gibt auch kritisch zu bedenken: „Es gibt Gemeinden, die diesen Eindruck auch verstärken: Das man keine Fragen stellen soll.“ Gemeinden also, die sich faktenfeindlich und wissenschaftsschädlich verhalten und keinen Raum geben, um Fragen zu stellen, die Menschen wirklich beschäftigen. Julia ermutigt Menschen dazu, trotzdem ihre Fragen zu stellen, denn: „Wahrheit hält den Fragen stand. Wir sollen unseren Verstand nutzen und forschen – auch das ist Lobpreis!“
Wieder andere Gesprächspartner halten den christlichen Glauben für moralisch fragwürdig angesichts von Ungerechtigkeit und Heuchelei, die sie oder andere im Kontext von Kirche und Gemeinde erlebt haben. Missbrauch und Korruption sind nur wenige Beispiele, die diese Haltung verständlich machen.
Wie also damit umgehen, wenn einem in Gesprächen über den Glauben Wellen von Ablehnung entgegenrollen, die man sogar nachvollziehen kann? Oder, wie Julia die Frage stellen würde: „Was also brauchen wir, damit die gute Nachricht wieder als gute Nachricht erstrahlt? Als erstes brauchen wir Demut. Im Namen Jesus wurden schreckliche Dinge begangen. Wir müssen umkehren.“ Mut, der Flügel verleiht, und Demut, die erdet und gründet, sind gefragt. Für Julia ist wichtig, nicht arrogant zu sein, sondern sich in Demut auch für das Fehlverhalten von Christinnen und Christen entschuldigen zu können, denn: „Ich gehöre auch zu diesem Laden.“ Das bewege Menschen und sei angebracht aufgrund von Verletzungen, die Menschen durch Christen erfahren hätten.
Außerdem ist Julia wichtig, sich der Kritik von Menschen am Glauben ehrlich zu stellen und zu prüfen, ob vielleicht auch etwas dran ist. „Was kann ich von Kritik lernen?“, sollten wir uns ihrer Meinung nach öfter fragen. Und gleichzeitig die „Frage hinter der Frage“ erforschen und den Sehnsüchten auf den Grund gehen, die sich oft hinter Kritik verbergen. „Die Demut der Fragenden könnte vielleicht helfen in der Polarisierung der verhärteten Fronten in den Gemeinden und unserer Gesellschaft“, findet Julia. Und ihre persönlichen Geschichten zeigen auch, dass sie recht hat.
Verbissene Diskussionen über „theologische Richtigkeiten“, die mit dem Alltag und Leben der Menschen nichts zu tun haben, sind Julias Erfahrung nach nicht zielführend. „Es braucht Menschen, die die Jeus-Story dort erzählen, wo Jesus sie hingestellt hat“, erklärt sie stattdessen. Und zwar auf eine Weise, die alltagsrelevant ist, die die Schönheit und Kraft des Evangeliums in Worte fassen kann und damit Herzen berührt.
„Das ist das Schönste, was ich je gehört habe“ stellte ein pakistanischer Student fest, mit dem sich Julia sieben(!) Stunden lang an einer holländischen Universität unterhalten hatte. Sie sprachen über Jesus, seine Gnade, seine Vergebung und seine Liebe, die er sogar für seine Feinde aufbrachte. Das sind Themen und Geschichten, die Menschen bewegen und die ihnen die Schönheit Gottes näherbringen – eine „inspirierende Schönheit“, die sich durch das einzigartige göttliche Zusammenspiel von Gnade und Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit ergibt. „Bei Jesus kommen Gnade, Gerechtigkeit und Vergebung zusammen – und das macht die gute Nachricht so wunderschön und gut.“


